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Wunder

Tja, was soll man dazu sagen?

Ich saß im Zug und rutschte auf dem Sitz hin und her. Gelbe Pfeile auf blauen Karos als Muster - mir ist das in diesen Momenten zum ersten Mal wirklich bewusst geworden. Allgemein waren nur sehr wenige Leute im Zug und so konnte ich meiner Nervosität gelinde gesagt "freien Lauf lassen": Ständiges Haare zurechtwirbeln und fühlen, ob der Hosenstall auch wirklich zu ist. Solche Sachen, über die normale Leute mit Sicherheit ein, vielleicht zwei Mal am Tag nachdenken und damit sicherlich "gut fahren", wie man so schön sagt.

Ich habe meinem Mitbewohner von dem Treffen erzählt, als ich am Samstag halbwegs betrunken war und eine Ausrede suchte, weil ich wegen besagtem Treffen nicht mit ihm Schwimmen fahren konnte. Er sagte mir, dass ich ja nichts zu verlieren hätte und es einfach tun sollte. Es könne was "schief gehen", natürlich, aber dann sei es halt so und man wüsste dann wenigstens, dass das nicht klappt.

Der Zug hielt, ich stieg aus und mir war, als wär das alles überhaupt nicht real. Im Zug war es dummerweise sehr viel heißer als draußen und so musste ich erstmal ein bisschen abkühlen. Der Himmel war nichts als ein Meer aus Blau und die Sonne stand tief. Der Weg war mir aus alten Tagen bekannt und die Kneipe, in der wir uns treffen wollten, auch. Auf dem Weg dorthin hatte ich plötzlich überhaupt keine Ahnung mehr, über was ich mit ihr eigentlich "reden" wollte. Natürlich, über diese "Anziehung" zwischen uns beiden mussten wir reden, das war mir klar, aber ich kann ja nicht mit der Tür ins Haus fallen.

Die Kneipe war bis auf einen komischen, aber friedlichen Typen an der Theke leer. Ein Dienstagabend ist nunmal nicht besonders lukrativ für Kneipenbesitzer in einer "mittelgroßen Stadt" - besonders wenn die Frauen-WM läuft, Deutschland spielt und alle vor ihren heimischen Flimmerkisten sitzen. Die Uhr zeigte 20:11 und so sollte es noch 19 Minuten bis zu ihrem Eintreffen dauern. Nach ein paar Seiten in "Der Spieler" von Dostojewski bemerkte ich, dass ich ungefähr keinen Zusammenhang zwischen den Sätzen herstellen konnte. Mein Herz schlug wie verrückt und ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Das Wasser im Glas vor mir sprudelte vor sich hin, als sie an der Kneipe entlangging und wirklich nervös ausschaute. Sie ging hinein, sah mich, ging auf mich zu und wir umarmten uns. Mein Herz schlug wahnsinnig schnell und ich konnte für ein paar Augenblicke nichts sagen. Das Gespräch drehte sich anfangs nur um triviale Sachen: Was machst du gerade so? Hast du Geschwister? Was willst du später machen? usw. Irgendwann kamen wir auf das Thema, warum wir uns eigentlich getroffen haben: Der Abend vor eineinhalb Wochen, dieser Samstagabend. Ich habe sie damals ja ziemlich zugetextet und durch übermäßigen Alkoholgenuss auch noch die Hälfte vergessen, was an sich ziemlich schlechte Voraussetzungen für ein "erneutes Wiedersehen" sind. Scheinbar mag sie mich dennoch. Das gleiche ist auch bei mir der Fall und so schauten wir uns in die Augen. Sie hat einen Freund, mit dem sie seit einigen Jahren zusammen ist und wir redeten viel über diese Sache.

Ich sagte ihr, dass ich ihre Beziehung nicht "zerstören" will, doch sie erwiderte nur, dass sie es sowieso nicht weiterführen könne. Als Grund nannte sie in gewisser Weise "Gefühle für mich". Mein Herz schlug in etwa auf Höhe meines Kehlkopfes und diese "Traumartigkeit" war wieder da. Wir redeten "über uns", dass es schwierig werden könnte, dass man sich nur selten sehen könnte und dass man nicht absehen könne, wo es hinführen wird. Während des Gesprächs stieß sie aus reiner Nervosität auch noch ihr Glas um und ich musste durchweg grinsen.

In ein paar Minuten würde ich zum Bahnhof gehen müssen, das wusste ich. Ich piekte ihr unabsichtlich mit der Getränkekarte in die Hand und entschuldigte mich sogleich. Unsere Hände kamen uns irgendwie immer näher und irgendwann tippte sie mir einfach auf meinen Finger, während wir immer noch ein wenig geistesabwesend über die Zukunft spekulierten. Ich ergriff ihre Hand und wir befühlten unsere Hände ein paar Minuten. Es wurde immer "romantischer", wenn man es denn so nennen mag. Zugleich musste ich immer wieder von ihrer Beziehung reden und dass ich selbst nicht wüsste, was ich eigentlich will. Nach ein paar Minuten des leichtesten Gefühls in den Fingern sagte ich, dass ich zum Bahnhof müsse und sie bot mir an, mich mit ihrem Auto dort hinzubringen. Ich zahlte und wir gingen Seite an Seite zu ihrem Wagen. Die Stadt war wie ausgestorben und es wurde allmählich kühl. Sie ging mit mir zur Beifahrertür und wir schauten uns ein paar Sekunden im Licht der Straßenlaternen an. Mein Gehirn produzierte Tausende von Fragen, Antworten und Widersprüchen. Ich sagte: "Ich müsste dich jetzt eigentlich küssen, oder?" In der nächsten Sekunde dachte ich mir nur "Was habe ich bloß gesagt?", doch sie meinte nur, dass ich es "nicht müsse". Sie ging daraufhin zur Fahrertür, auch ich stieg ein und wusste nicht, was ich jetzt genau machen sollte. Ich zitterte ein wenig und mir war nicht klar, ob es an der Kälte oder an dieser Situation lag. Wir fuhren ein oder zwei Minuten und parkten auf den Parkplätzen am Bahnhof. Sie zog den Schlüssel raus um das Radio abzustellen, denn die Musik war irgendwie überflüssig und störend. Wir schwiegen uns an, hielten wieder unsere Hände und dann - ja wirklich - wir küssten uns. In meinem ganzen Leben schlug mein Herz noch nie so stark und es fühlte sich so an, als würde alles in einem Traum stattfinden. Es war wirklich viel zu irrreal um wahr zu sein. Wir hielten nach ein oder zwei Berührungen inne, Stirn an Stirn gelehnt saßen wir da und schwiegen. Ich stammelte ein paar Worte und meinte, dass dieser Augenblick viel zu schön sei, um wirklich real sein zu können. Durch die Lautsprecher des Bahnhofs wurde das Ende dieses Zusammenseins angekündigt: Mein Zug kam. Wir stiegen aus und wir standen uns wieder gegenüber. Viele Worte wurden nicht mehr gewechselt. Ich küsste sie noch ein letztes Mal, weil ich es unbedingt tun wollte. Ich ging rückwärts von ihr weg und zitterte am ganzen Körper. "Wir müssen uns wiedersehen, unbedingt!", sagte ich ihr noch. "Umarme mich bitte noch einmal", rief sie mir nach. Ich ging zurück, drückte sie und lief unsicheren Schrittes zum Zug.

Die Zugfahrt ging wie im Traum an mir vorüber. Ihr Duft haftete noch an meinen Händen und ich konnte nicht aufhören zu grinsen. Die anderen Leute im Zug mussten mich sicher für einen "berauschten" Typen gehalten haben, aber in diesen Momenten war es mir so egal. Mit dem Fahrrad segelte ich über die leeren Straßen dieser Stadt, kam immer noch grinsend zu Hause an und legte mich aufs Bett. Ich konnte nicht begreifen, dass ich noch vor einer Stunde einen solchen Moment des Glücks erleben durfte - und ich kann es immer noch nicht. Ich möchte sie wirklich unbedingt wiedersehen.






Tja, wer hätte gedacht, dass jemand für mich "etwas empfindet"? Es ist schon erstaunlich. Vielleicht muss ich erstmal wieder runterkommen, um einen klaren, rationalen Gedanken fassen zu können. Ich weiß nicht so genau, aber es könnte gut sein, dass das der bisher "schönste Tag in meinem Leben" war.
7.7.11 02:25
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


brains death / Website (7.7.11 03:18)
Nervosität freien Laufen lassen... klasse "gesagt", kenn ich auch. Und man darf nicht oft genug nachsehen, ob der Hosenstall wirklich zu ist xD

Hat sich sehr schön gelesen. Ich wünsch dir ganz viel Glück und Erfolg mir Ihr (:

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